Die Entdeckung der „kulturell-kreativen“ Bevölkerungsschicht
Obwohl die nachfolgend beschriebene Studie seit einigen Jahren in den betreffenden Kreisen Anlass für Diskussionen und Spekulationen gibt, hat sie leider noch immer nicht den Grad an Bekanntheit erlangt, der ihr eigentlich zustünde. 1996 stellte der amerikanische Soziologe Paul Ray zusammen mit seiner Mitarbeiterin Sherry Ruth Anderson die Ergebnisse einer langjährigen Untersuchung vor, derzufolge sich mindestens ein Viertel (ca. 24% oder 44 Millionen Bürger) der US-amerikanischen Bevölkerung nicht mehr wie früher entweder zu den Traditionalisten oder zu den Modernisten zählen lassen. Innerhalb der vergangenen dreißig Jahre ist weitgehend unbemerkt von Wissenschaft, Medien und Politik eine weitere Mainstream-Schicht entstanden, die sowohl die traditionellen Werte (ländlich, familiär, religiös, ethnozentrisch) als auch den modernen Lifestyle (urban, karriere- und technikorientiert, materialistisch, rationalistisch, individualistisch) weitestgehend ablehnt; die von Ray die „Kulturell Kreativen“ genannte Bevölkerungsschicht stellt den als überkommen wahrgenommenen alten Konzepten eine Mischung aus sozial, ökologisch, spirituell und psychologisch geprägten Werten entgegen. Diese Menschen denken eher ganzheitlich-intuitiv, emanzipatorisch, gemeinschaftsorientiert und sie sind fremden Kulturen gegenüber aufgeschlossen. Schon heute haben sie im Gesellschaftsspektrum die besten Ideen, was die notwendigen Schritte zur Überwindung der vom Projekt der Moderne ausgelösten globalen Krise betrifft. Dennoch existiert bis jetzt keine Organisation, die für dieses riesige Potential stehen würde im Gegenteil ist es für die Vertreter der „Kulturell Kreativen“ geradezu bezeichnend, dass sie sich nicht der Tatsache bewusst sind, mittlerweile keine Randposition mehr zu besetzen, sondern Teil einer im Entstehen begriffenen, breiten Bewegung zu sein.
Paul Ray glaubt, dass eben diese Kulturell Kreativen das Potential besitzen, eine völlig neue ("Integrale") Kultur zu schaffen, die eine Synthese aus sich bislang scheinbar ausschließenden Aspekten von Tradition und Moderne bilden müsste ein dritter Weg also, der die bislang gegensätzlichen Unvereinbarkeiten zu etwas Neuem transzendiert.
In verschiedenen Ländern Europas wird gegenwärtig eine Untersuchung vorbereitet, die klären soll, ob der Anteil der Kulturell Kreativen in der Alten Welt wie von einigen vermutet tatsächlich noch bedeutender ist, als in den USA. Insgesamt kann man wohl davon ausgehen, dass der Wertewandel mindestens in der gesamten industrialisierten Welt stattgefunden hat und noch weiter stattfindet.
Weitere Einzelheiten zu Rays Studie finden sich in der unten nachfolgend wiedergegebenen deutschen Kurzzusammenfassung seines Buches „The Cultural Creatives How 50 Million People are changing the world". (Quelle: http://www.kulturkreativ.net/artikel.html?id=art_3f79956c53b99&var=long)
Neuer Text (RTF): „Weltmacht Zivilgesellschaft: Sterbebegleiter des alten Systems und Geburtshelfer einer neuen Welt“ Geseko von Lüpke spricht mit Nicanor Perlas über die Herausforderungen und Grenzen der neuen sozialen Bewegungen. Perlas, der sich selbst als Teil der kulturell kreativen Bewegung begreift, wurde für seine Leistungen als konstruktiver Globalisierungskritiker im Jahr 2004 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
Die Evolution der Integralen Kultur Von Paul H. Ray
"Es war die beste Zeit und zugleich die schlimmste." So beginnt Charles Dickens’ "Geschichte aus zwei Städten", die das erste Aufwallen der modernen Politik im revolutionären Paris des Jahres 1789 beschreibt. Dasselbe könnten auch wir sagen, wenn wir bedenken, was da emporquillt, um die so genannte Moderne zu Beginn des neuen Jahrtausends zu ersetzen. Angesichts rückläufiger Einkommen der Nordamerikaner oder des beängstigenden Zustands der Umwelt auf dem ganzen Planeten befällt viele Zeitgenossen das berechtigte Gefühl, von einer noch nie dagewesenen Gefahr bedroht zu sein. Eine Kettenreaktion sich gegenseitig auslösender Katastrophen könnte den Untergang unserer Zivilisation besiegeln und wie 1789 gibt es auch heute genug Untergangspropheten unter den modernen Experten. Es stimmt schon: Wir starren noch immer in den Zerrspiegel, den uns unser eigenes "Ancien Régime" vorhält und der anachronistische Interessen reflektiert, die nicht unbedingt unsere eigenen sind.
Betrachten wir die Sache doch einmal anders, denken wir doch einmal quer zu allem, was wir täglich in der Zeitung lesen: Die vor uns liegenden Chancen sind genauso real wie die vor uns liegenden Gefahren! Wir müssen keineswegs unentrinnbar in Richtung Armut und Verzweiflung schlittern. Anders als die Werbetrommeln künden, heißt das aber gerade nicht, wir könnten im blinden Fortschrittsglauben in eine goldene Zukunft ungezügelten Konsums hinein feiern. Das Leben ist härter und weitaus aufregender!
An der Schwelle eines derart epochalen Wendepunktes dürfte die größte Schwierigkeit in dem Wissen liegen, dass wir die bestehende Welt und alles, was wir kennen und zu sein glauben, zugunsten des Unbekannten hinter uns lassen müssen. Zivilisationsbrüche dieses Ausmaßes geschehen nur äußerst selten: die Erfindung der Landwirtschaft, Aufstieg und Fall der Eroberer- und Weltreiche, die Urbanisierung und Industrialisierung. Die Generationen vor uns mögen sich mit vollem Recht jedem weiteren derart radikalen Umbruch in den Weg gestellt haben wir dürfen es nicht.
Fest steht, dass sich unsere Welt den nächsten beiden Jahrzehnten dramatisch zum Besseren oder zum Schlechteren wandeln wird. Ein "weiter wie gehabt" wird es mit Sicherheit nicht geben. Die meisten Entwicklungen der Vergangenheit waren schlicht nicht nachhaltig. Die Zeiten plakativer Fortschritte sind um, und wir stehen am Scheideweg: Es ist unsere Entscheidung, welche Richtung wir einschlagen. Unsere Zukunft ist keineswegs von der Vorsehung zementiert.
Die Zivilisation steht auf der Kippe. Wir müssen es schaffen, den guten Weg zu wählen. Die Qualität und Tragfähigkeit unserer Vision und die schöpferischen Handlungen, die wir daraus ableiten, bestimmen die Entwicklung unserer Zukunft im Lauf der nächsten ein oder zwei Generationen. Dabei hängt die Latte mittlerweile ziemlich hoch.
Drei Weltanschauungen
Blicken wir aus ausreichender Höhe auf die Geschichte, so rückt nach dem Aufstieg moderner Kulturformen der Niedergang des modernistischen Paradigmas deutlich ins Bild. Kernaussage meiner Forschung ist, dass wir gegenwärtig das Erwachen einer neuen Kultur miterleben, der Integralen Kultur einer neuen, konstruktiven Synthese, die sowohl den Modernismus wie dessen Antithese, den Traditionalismus, umschließt, zugleich aber weit darüber hinaus geht. Mit der Synthese jener beiden (alten) Wertsysteme würdigt die Integrale Kultur die Entwicklungsgeschichte der westlichen Welt in ihrer tiefsten gemeinsamen Wurzel und richtet sie auf eine transformative Zukunft aus. Sie beendet und transzendiert die Dichotomie von Traditionalismus und Modernismus und entwickelt eine für sie typische Akzeptanz der Mehrdimensionalität jenseits einer "Entweder-oder"-Konfrontation. Im Vergleich zum Rest der Gesellschaft pflegen die VertreterInnen der Intregralen Kultur idealistische und spirituelle Werte deutlich ausgeprägter; sie achten mehr auf ihre Beziehungen und die Vervollkommnung ihrer Persönlichkeit, sie sind umweltbewusster und offener gegenüber allen Impulsen, die auf eine positive Zukunft zielen. Meinen Studien zufolge umfasst jene Gruppe rund 24 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner, das sind etwa 44 Millionen Menschen. Sollte dies tatsächlich die Morgenröte einer Integralen Kultur sein, dann erleben wir gegenwärtig einen äußerst ungewöhnlichen historischen Vorgang kommt doch ein derartiger Wechsel der dominanten Kultur höchstens ein- oder zweimal in tausend Jahren vor.
Heute existieren drei unterschiedliche Ausprägungen des kulturellen Selbstverständnisses und der Weltanschauung, die als traditionell, modern und transmodern bezeichnet werden können und die jeweils eigene Wertkodizes entwickelt haben. Ich nenne die Träger jener drei Subkulturen die Konservativen, die Modernisten und die Kulturell Kreativen.
Ich konnte systematische Unterschiede in der Weltsicht jener drei Subkulturen zeigen, die jeweils in der Ära ihres Entstehens begründet sind. Querschnittsuntersuchungen ergeben typischerweise vom Zeitgeschehen isolierte Momentaufnahmen. Eine Studie über eine ganze Kultur folgt jedoch Spuren, die Jahrhunderte zurückreichen. Beispielsweise zeigen die Ergebnisse der "American-Lives"-Studie, dass "da draußen" inzwischen drei spezifische Weltanschauungen existieren, während die Soziologen der vorigen Generation nur zwei Strömungen finden konnten: nämlich die Traditionalisten und die Modernisten. Bis sich erstere Erkenntnis in der Gesellschaft durchsetzt, vergeht Zeit; so lange wird auch in der Öffentlichkeit weiterhin von nur zwei Richtungen gesprochen werden.
Die neue Perspektive gegenüber Weltanschauungen, Werten und Subkulturen ist nun alles andere als eine rein analytische Wertung: Wo unsere Kultur heute steht, resultiert aus früheren Orientierungen:
- So lassen sich die Wurzeln des heutigen Traditionalismus ins mittelalterliche Europa zurückverfolgen. Dort führt die Spur über die Aufklärung zu den traditionsverhafteten Katholiken und Protestanten, die sich gegenüber der säkularen Moderne abgrenzten, bis hin zu den zeitgenössischen antidemokratischen Rechten. Der amerikanische Traditionalismus findet seinen Ursprung auch in den rassistischen und fremdenfeindlichen Bewegungen auf dem Lande, aus denen der Fundamentalismus des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die nordamerikanische Form des Modernismus erwuchs. Die heutigen Konservativen träumen nostalgisch von einer Rückkehr zum kleinstädtischen und religiösen Amerika von 1890 bis 1930 ein Mythos, der lautstark proklamiert, was jene für den guten, alten, "traditionellen" amerikanischen Weg halten.
- Der Modernismus begann mit dem Ende der europäischen Renaissance vor etwa 400 Jahren und wurde, von Europa ausgehend, auch in die Kolonialgebiete hineingetragen. Während man den Modernismus zum Teil aus dem Drang, autoritäre politische und religiöse Machtverhältnisse zu überwinden, herleiten kann, gründet er vor allem im Stand der Kaufleute und anderer Wegbereiter der modernen Ökonomie, im Aufkommen der modernen Staatsformen und ihrer Armeen sowie in der zunehmenden Bedeutung von Wissenschaft und Technik. Der heutige nordamerikanische Modernismus ist, genau genommen, bereits ein Spät-Modernismus. Seine Ursprünge liegen im europäischen Intellektualismus sowie in der amerikanischen Urbanisierung und Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Konservativere Modernisten neigen dazu, die 20er- oder 50er-Jahre zu idealisieren, während gemäßigt Liberale an Vorstellungen der 50er und 60er festhalten, dabei aber grundsätzlich offener für neue Ideen sind.
- Die Wurzeln des heutigen Transmodernismus liegen zum einen in den esoterisch-spirituellen Strömungen, die sich in der Renaissance herausbildeten und bis heute in den "Neuen Religionen" fortbestehen. Zum anderen reichen sie in die transzendentale Bewegung des frühen bis mittleren 19. Jahrhunderts etwa eines Emerson hinein. Der Transzendentalismus findet sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in Büchern entsprechender Autoren, später in der New-Age-Bewegung, in der humanistischen und der transpersonalen Psychologie, in der Ökologiebewegung und im Feminismus, die allesamt seit den 60er-Jahren existieren. Die AnhängerInnen dieser Trends finden große Bereiche der modernistischen Weltsicht unakzeptabel und tendieren dazu, ihr gänzlich das Vertrauen zu entziehen. Diese Weltanschauung ist Avantgarde und Gegenstand der Veränderung zugleich; sie trägt die persönliche Entwicklung in das Gemeinwesen hinein: Die Transmodernen haben sich selbst neu erfunden, warum also sollte das nicht auch der Gesellschaft als Ganzes gelingen?
Meine Studie gibt Anlass zur Hoffnung, dass die "transmoderne" Weltanschauung die Nachfolge des Modernismus antritt und die Entfaltung der von mir beschworenen "Integralen Kultur" zustande bringt.
Was die Untersuchung zeigt
Zur Zeit machen die Konservativen als Vertreter des Traditionalismus etwa 29 Prozent der (US-amerikanischen) Bevölkerung aus. Das entspricht rund 56 Millionen Erwachsenen. Der Anteil der Modernisten beträgt 47 Prozent (88 Millonen Erwachsene), und die Kulturell Kreativen kommen auf stolze 24 Prozent (44 Millionen)!
Die Kulturell Kreativen tragen diese Bezeichnung, weil sie die Kultur am stärksten mit neuen Gedanken bereichern und entscheidend an der kulturellen Veränderung mitwirken. In der Regel gehören sie zur Mittel- bis Oberschicht. An der Westküste der Staaten sind sie etwas stärker vertreten als in anderen Landesteilen, aber es gibt sie in jeder Region. Das Verhältnis von Frauen zu Männern beträgt 60:40; es sind also 50 Prozent mehr Frauen als Männer in dieser Richtung engagiert.
Die Subkultur der Kulturell Kreativen wird von zwei Flügeln getragen:
- Der eine ist die "Kerngruppe" (10,6 Prozent bzw. 20 Millionen Amerikaner). Deren Mitglieder besitzen sowohl persönlichkeitsorientierte als auch "grüne" Wertvorstellungen: Sie sind stark an Psychologie, einem spirituellen Leben, an Selbstverwirklichung und persönlichem Ausdruck interessiert, sind aufgeschlossen für Fremdes und Exotisches, verwirklichen gerne neue Ideen und engagieren sich für soziale Belange, sie streiten für die Rechte der Frauen und machen sich zum Anwalt für die Umwelt. Unter ihnen sind die meisten Vordenker und Ideengeber. In der Regel entstammen sie der oberen Mittelschicht, und mit einer Quote von 67:33 sind doppelt soviele Frauen wie Männer vertreten.
- Die Interessen des anderen Flügels, der "ökologisch orientierten Kulturell Kreativen" (13 Prozent bzw. 24 Millionen Erwachsene) konzentrieren sich auf Umweltfragen und soziale Themen aus einer eher pragmatischen Perspektive heraus das Interesse an Spiritualität, Psychologie oder persönlichkeitsorientierten Werten steht weniger im Vordergrund. Offensichtlich orientiert sich dieser Flügel an den Ideen der Kerngruppe. Die Mitglieder stammen meist aus der Mittelklasse.
Mit der Subkultur der Kulturell Kreativen betreten neue Werte und Weltanschauungen die Bühne, die vor dem Zweiten Weltkrieg selten waren und auch noch vor einer Generation kaum wahrgenommen wurden. In ihr verbinden sich Menschen, die die Probleme des heutigen Systems klar erkennen, sei es auf regionaler, nationaler oder auf globaler Ebene. Dazu gehören auch Individuen, deren Anspruch an Spiritualität, persönliche Entwicklung, Authentizität, Qualität der Beziehungen und Toleranz höher liegt als bei den Traditionalisten und Modernisten. Als Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit den anderen beiden Weltsichten distanzieren sich die Kulturell Kreativen von vielen überkommenen Werten. Anders jedoch als die "entfremdeten" Modernen suchen die Kulturell Kreativen beharrlich nach Wegen der Erneuerung.
Wir beobachten aber nicht nur die Ausprägung einer neuen Gesellschaftsschicht. Die neue Subkultur entwickelt engagiert zusätzlich zu ihrer Fähigkeit, alte, sich widersprechende Werte und Glaubenssätze zu transzendieren eine neue Art, auf die Welt zuzugehen. Neue Denkmodelle entstehen, um die Welt zu begreifen: eine ökologische und spirituelle Weltanschauung, eine völlig neue Sicht auf die zwischenmenschlichen Bereiche, ein umfassendes Problembewusstsein für den gesamten Planeten anstelle der isolierten Ziele, die der Modernismus zu lösen sich vorgenommen hatte, neue Methoden zur Entfaltung der Sinne, eine Rückbesinnung auf spirituelle Praktiken und zum Menschheitswissen aus Psychologie und Philosophie sowie eine Aufwertung des Weiblichen in der jüngeren Geschichte. Kurz ein guter Anfang für eine neue Epoche.
Mit 44 Millionen Menschen sind die Kulturell Kreativen die größte Gruppe, die je den Auftakt einer gesellschaftlichen Renaissance markiert hat. Auch wenn die empirischen Daten meiner "American-Lives"-Studie zeigen, dass die Kulturell Kreativen seit den 70er-Jahren mit dem Übergang in die Transmoderne eine neue und einzigartige soziale Kraft etablieren, ist der Aufstieg einer Integralen Kultur keineswegs von außen her vorbestimmt. Vielmehr ist eine neu erwachende Kultur immer eine Antwort auf die aktuellen Probleme ihrer Zeit, gleich, ob es sich um die Integrale Kultur handelt oder um eine andere größere soziale Kraft.
Alle Kulturen existieren, um zu lösen, was die Menschen jeweils als Problem erkennen. Der Modernismus hat einige der Herausforderungen gelöst, denen er sich gestellt hat; er hat jedoch keine angemessenen Antworten auf die komplexen Aufgaben gefunden, der sich die Gesellschaft heute gegenübersieht. Ein guter Teil der alten Problematik besteht ungelöst weiter. Bei Licht betrachtet, haben sogar viele der modernistischen "Lösungen" erst zur Entstehung der gegenwärtigen Lage beigetragen. Jetzt wird also etwas Neues gebraucht, etwas, das wir von der Integralen Kultur erwarten und erhoffen.
Können wir es schaffen? Aus mehreren Gründen würde ich sagen: Ja. Zum Beispiel ist die notwendige Basis in der Bevölkerung durch die Kulturell Kreativen schon vorhanden, ebenso wie ein sich rasch entwickelndes globales Transport- und Kommunikationssystem. Die "neuen Wissenschaften" wie Quantenphysik, ganzheitliche Biologie, Chaosforschung und Systemtheorie (mit ihren Entdeckungen der Nichtlokalität, der gegenseitigen Abhängigkeit der Ökosysteme oder der Selbstorganisation) sind bereits dabei, das alte modernistische Paradigma zu demontieren. Zusätzlich führte eine ganze Reihe von Entwicklungen in der humanistisch-transpersonalen Psychologie, den Öko-Wissenschaften, dem Feminismus sowie eine aufblühende psychospirituelle Bewusstseinsrevolution zur Entstehung breiter sozialer Bewegungen, die ihren Teil zu einer Integralen Kultur und einer neuen Gestalt der Welt beitragen. Die Transformation geschieht direkt vor unseren Augen, jetzt, um die Jahrtausendwende. Mit einem Wort: Alles, was man für eine wahrhaft integrale Kultur braucht, ist bereits vorhanden.
Das Erbe des Modernismus
Jetzt, wo die Integrale Kultur auf der Welt Fuß fasst, wird sie unbeirrt daran arbeiten, die Probleme unseres Planeten ganzheitlich zu lösen dieses Planeten, der eben erst im Bewusstsein der Menschen als "eine Welt" aufgetaucht ist. Viele Aufgaben hat uns die Moderne vererbt, entweder als nach wie vor ungelöste Fragen oder als Probleme, die erst durch den Versuch einer Lösung entstanden sind. Die Moderne kann als eindrucksvolles Set kultureller Erfindungen gelten, welche die Nöte lindern sollten, die den Menschen während seiner langen Geschichte geplagt haben:
- Verminderung körperlicher Mühsal,
- Verteilung der Ressourcen,
- Kampf gegen Seuchen und Krankheiten,
- Behausung und Ernährung einer wachsenden Bevölkerung,
- Aufbau effektiver und produktiver Organisationen,
- Etablierung einer universellen Moral,
- Bewältigung einer zunehmenden sozialen Komplexität.
Dies waren die vorrangigen Aufgaben der alten und auch noch der frühmodernen Welt. Der Modernismus hat diese Probleme seinerzeit oft brillant gelöst. Die Vereinigten Staaten haben dabei immer wieder eine führende Rolle gespielt und sich auch häufig damit gebrüstet. Viele jener Erfolge gingen jedoch zu Lasten der traditionellen Lebensweise und der Menschen, denen diese immer noch etwas bedeutete. So hängt auch das Desaster der Dritten Welt nicht nur damit zusammen, dass die Menschen dort die genannten Probleme nicht gelöst haben, sondern vor allem damit, dass wir ihnen mit unseren Lösungen noch zusätzlich zu schaffen machen. Da die vom Modernismus angebotenen Lösungen auch für die westliche Welt immer gravierendere Probleme nach sich ziehen, muss diese Weltanschauung wohl oder übel abdanken. Bedenken wir:
- Mit der Begründung, Wohlstand zu schaffen und zu verteidigen, haben moderne Unternehmen, Regierungen und Militärs immer wirksamere Technologien entwickelt, um ihrem Streben nach Reichtum und Macht und was der unehrenhaften Ziele weitere sind zu mehr Erfolg zu verhelfen. Dies mag so lange ökologisch verträglich gewesen sein, wie die gierigen und machtbesessenen Organisationen nicht allzu effektiv waren. Doch jeder, der diese Zeilen liest, weiß, dass der Planet an hundert verschiedenen Fronten in großer Gefahr ist, die hier unmöglich alle abgehandelt werden können. Wichtig ist, dass viele Menschen inzwischen den Zusammenhang zwischen dem modernen Lebensstil und dieser Gefahr sehen.
- Um funktionsfähige Gemeinwesen zu schaffen sowie ethnische Konflikte und Religionskriege einzudämmen, wie sie das letzte Jahrtausend bis hin zu den jüngsten Krisen in Ruanda und Bosnien geprägt haben, hat der Modernismus die Erwartung geschürt, dass es einst mehrere gleichberechtigte Religionen und mehrere anerkannte Lebensstile und Weltanschauungen geben würde. Dies brandmarkt traditionelle Konzepte vielfach als ungerecht, bigott oder abergläubisch. Indem sie Grautöne in die ehemals strikt schwarz-weiße Wahrnehmung der Kulturen und Religionen einführte, hat die Moderne auch zu deren Beliebigkeit beigetragen: Keiner kann mehr für sich beanspruchen, den alleingültigen Weg zu kennen und das ist ein Schlüssel zum Verständnis des grassierenden Fundamentalismus und des kulturellen Konservativismus, die nichts anderes sind als die reaktionäre Ablehnung des modernen Relativismus sowie der modernen Komplexität.
- Die Diesseitsbezogenheit des Modernismus weist alle traditionellen Ansichten und Wahrheiten als falsch oder bestenfalls unbewiesen ab. Es gibt aber nicht nur auf dem Feld der Kosmologien und Weltanschauungen blutende Verlierer. Auch die eindrucksvollen Erfolge von Wissenschaft und Technik, die Welt zu erklären und zu gestalten, haben die Wahrheit zu etwas sich dauernd Wandelndem gemacht. Dazu zeigt sich eine Tendenz, die Dinge "auseinander zu denken", indem alle ganzheitlichen Ideen kaputtanalysiert und konkurrierende Weltmodelle demontiert werden. Doch an diesem Punkt wird die moderne Weltanschauung zusammenhangs- und orientierungslos, denn die meisten Menschen verlangen nach einem Grundvorrat unverrückbarer Wahrheiten über die Menschheit, die Natur, über Gott und die Welt. In den Augen sowohl traditionalistisch wie auch transmodern ausgerichteter Menschen beweist die lärmende, zusammenhangslose Zersplitterung der Gegenwart das fundamentale Versagen des Modernismus.
- Die analytische Zersplitterung findet ihre Parallele im Zerbrechen der Marktwirtschaft, der Gemeinschaften, der Familien und der Zersplitterung in den Programmen der Massenmedien. Das Auseinanderbrechen ihrer vertrauten Welt stürzt viele Menschen in Orientierungslosigkeit und Verzweiflung.
- Die Moderne hat eine Anzahl institutioneller und organisatorischer Formen hervorgebracht, die ohne jede wirksame Konkurrenz dastehen und die alte Formen wie kleine Landwirtschaften, Nachbarschaft, Gemeinschaft und Familie einfach überwuchern. Diese neuen Strukturen umfassen Verwaltungen, den Nationalstaat, Unternehmen, Universitäten, Fabriken, Massenverkehrsmittel, wissenschaftliche Einrichtungen, Massenmärkte, ausufernde urbane Siedlungsgebiete oder ständige technische Neuentwicklungen. Überall treibt die massive und vielseitige Anwendung "intelligenter" elektronischer Chips den Ausbau der Informationsgesellschaft voran, die in bislang ungekannter Weise so umfassend wie unpersönlich miteinander vernetzt ist. Zahlreiche Beobachter glauben, dass uns die Fortentwicklung der Menschheit aus vor-zivilisierten Zeiten mit ihren typischen Kleingliederungen, wie Hofstelle, Nachbarschaft und Familie, in tiefe Schwierigkeiten gestürzt hat. Es könnte durchaus sein, dass unsere inneren "Schaltungen" für jene ältere Lebensweise "fest verdrahtet" sind.
- Der moralische Konsens der modernen Gesellschaft hat sich verflüchtigt. Für die meisten Nordamerikaner der Generation meiner Eltern existierte noch ein bürgerlicher Moralkonsens über das, was richtig und gut war, aber nach dem Zweiten Weltkrieg begann dieser zu bröckeln. Viele heutige Modernisten und Traditionalisten sind sich zwar grundsätzlich einig darüber, was falsch läuft, ja, viele teilen sogar eine gemeinsame Idee, wie ein Ausweg auszusehen hätte. Gleichwohl haben sie nicht die geringste Ahnung, wie dieser in die Realität umgesetzt werden könnte. Sowohl die schlimmen Konsequenzen der Moderne als auch ihr Unvermögen, die Herausforderungen der Zeit zu "sehen", zu "visualieren", beweisen die Erschöpfung der Moderne als kulturelles System.
- Der Modernismus bietet als einzigen Lebensweg ein Standardmodell an, das aus stetigem Klettern auf der Karriereleiter besteht. Die individuell erreichte Stufe in dieser Hierarchie definiert Gewinner und Verlierer. Dies und die Zurschaustellung von käuflich erworbenen Statussymbolen führen zu einer starken Differenzierung der sozialen Klassen und des Lebensstils.
- Die Tatsache, dass sie erheblich zum nationalen Wohlstand Amerikas beitragen, wird von vielen Modernisten als stillschweigende Rechtfertigung ihrer Weltsicht herangezogen. Dies zementiert eine Haltung, die nur darauf aus ist, "im Leben zu gewinnen" wie die amerikanischen Modernen der Mittel- bis Oberschicht beweisen.
- Zur gleichen Zeit verängstigen Massenentlassungen im Namen der "Gesundschrumpfung" und anderer Euphemismen die Arbeiterschaft. In der Hoffnung, sie könnten so wenigstens ihren eigenen Arbeitsplatz halten, lassen sie ihre Bemühungen um verbesserte Arbeitsbedingungen fallen. Lebenslange Beschäftigung in einer Firma und der damit verbundene soziale Aufstieg, so wie wir es bisher kannten, könnten bald der Vergangenheit angehören. Zukunftsforscher sagen voraus, dass die Macht der multinationalen Konzerne, überall auf der Welt einkaufen oder Arbeiter anheuern zu können, zu einem weltweiten, verelendenden Arbeiterproletariat führen könnte. Zahlreiche Modernisten sind inzwischen von der (Un-)Kultur des Gewinnens abgestoßen, da sie realisiert haben, dass sie immer nur zu den Verlierern dieses Spiels gehören werden. Viele sind gefangen zwischen der modernen und der traditionellen Welt. Das gilt für Arbeiter, die dem weltweiten Wettbewerb ausgesetzt sind, wie für Mittelklasse-Angestellte. Sie fühlen sich wohler in den gewohnten Bahnen, glauben aber nicht an die Traditionen. Andererseits sind sie noch nicht so weit, dass sie die Werte der Kulturell Kreativen erfassen können. Noch finden sie kein anderes Zuhause und lehnen deshalb zunächst alle positiven Werte gleichermaßen ab. Wie überreife Früchte wären sie für jeden Demagogen bequem zu pflücken.
Angst und Zynismus durchziehen die Medien; dem nachzugeben und die pessimistische Grundschwingung unserer Zeit ernst zu nehmen, könnte sich als schwerer Fehler erweisen. Denn dann würden wir früher oder später etwas wirklich Katastrophales glauben: "Die Dinge stehen schlecht, und es wird immer schlimmer, aber man kann nichts dagegen tun".
Man kann die Dinge auch anders sehen. Denn wie Fred Polak in seiner Studie über 1500 Jahre europäischer Geschichte ("The Image of the Future") zeigte, wird ein düsteres Zukunftsbild, das eine ganze Kultur vertritt, zwangsläufig zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Untergangsszenarien müssen nicht unbedingt eintreffen, jedoch könnte eine krankhaft pessimistische Verhaltensweise, gewissermaßen ein verlorener Glaube, in der Tat ausreichen, den Untergang herbeizuführen. Dasselbe gilt für das Gegenteil: Pflegt eine Kultur ein positives Zukunftsbild, ist dessen Umsetzung zwar ebenfalls nicht garantiert. Jedoch dürften die Investition in neue Chancen und der Wille zu guter Nachbarschaft bereits ausreichen, um ein anständiges Leben zu sichern, wenn nicht gar die beste aller Welten zu erschaffen.
Der Übergang in die Transmoderne
Der Modernismus hat versagt, und einige kluge Köpfe haben es schon seit einiger Zeit kommen sehen darunter Sozialgeschichtler wie Pitirim Sorokin in "The Crisis of our Age", Fred Polak in "The Image of our Future", Harrison Brown in "The Challenge of Man’s Future" und später Lester Brown in den jährlichen Reportagen des Worldwatch Institutes. Einige Theoretiker wie Willis Harman wagten eine etwas positivere Annäherung an das Thema; in "Global Mind Change" deutete er unsere Glaubenskrise als Anzeichen für den Übergang von einer Weltanschauung zu einer anderen.
Als Folge der wachsenden gemeinsamen Anstrengung generieren die Vordenker des Westens eine breite Palette potenzieller Nachfolgeideen, Konzepte und Begründungen, um den Modernismus der letzten Jahrhunderte zu ersetzen. Der Beginn der Transmoderne ist eine Zeit verworrener, widersprüchlicher und desorientierter Gedanken und Vorstellungen. Anstatt diese Unordnung zu beklagen, sollten wir jedoch besser anerkennen, daß sie ein positives Kennzeichen von etwas wirklich Neuem ist. Das Chaos bringt vieles zur Entfaltung, was unter "normalen" Umständen keine Chance hätte.
Interessanterweise gibt es die Vision einer Integralen Kultur als positiven Weg der Transzendierung der Moderne bereits seit über 50 Jahren, erstmals artikuliert von dem großen russisch-amerikanischen Soziologen Pitirim Sorokin in "The Crisis of Our Age". Ich sage absichtlich "Transzendierung", um auszudrücken, dass es darum geht, die gewesene Geschichte zusammen mit ihrer Antithese zu integrieren und zu einer neuen, reicheren Synthese zu führen. Drei große Denker haben sich, offenbar unabhängig voneinander, in den 30er- und 40er-Jahren dem gleichen weitreichenden Konzept mit ähnlichen spirituellen Ideen genähert: Sri Aurobindo in "A Practical Guide to Integral Yoga" und "The Life Divine", Sorokin, der über die Idealistische (später Integrale) Kultur in seinem Buch "Social and Cultural Dynamics" schrieb, und Jean Gebser, der in "The Ever-Present Origin" ein Modell integraler Bewusstseinsstrukturen entwickelte. Zumindest Sorokin wurde später auf Aurobindos Werk aufmerksam und schätzte es sehr.
Auch zahlreiche zeitgenössische Autoren kehren zu diesen fundamentalen Themen zurück, ohne sich notwendigerweise ihrer Vorgänger bewusst zu sein. Dies ist nicht lediglich als unabhängige Wiederentdeckung zu deuten, sondern eher als Beispiel für die permanente Einwirkung dessen, was Gebser "den stets präsenten Ursprung" nannte. Denn es ist gerade die "Spiritualisierung" der Moderne, welche die postmoderne Synthese lebendig und fruchtbar macht und verhindert, dass sie in die Sterilität abgleitet. Tatsächlich schöpfen viele jener Autoren aus derselben Inspirationsquelle, wenn sie den "Fall der Moderne" und den Aufstieg einer neuen Kultur voraussagen.
Die Wiederbelebung der Kultur
Der Übergang in die Integrale Kultur wird jedoch (wenn er tatsächlich stattfinden sollte) keinen vollständigen oder radikalen Bruch mit früheren gesellschaftlichen Vereinbarungen bedeuten. Die Kulturen großer Zivilisationen verschwinden nicht einfach vollständig, sie schaffen sich vielmehr neue Formen. Es ist klar, dass sich die Institutionen der Moderne gegenwärtig verkörpert in unserem westlichen Knotenwerk aus Städten, Jobs, Arbeitsstätten, Märkten, Unternehmen, Universitäten und Regierungen nicht in einem massiven "Systemabsturz" über Nacht in Luft auflösen können. Viel eher werden sie in einer transmodernen Welt Formen annehmen, die unsere Eltern nicht wiedererkennen würden. Mögen wir über den Verlust des Bekannten auch trauern das Neue sollte uns locken: die Aussicht auf eine Integrale Kultur.
"Transmodern" zu sein, bedeutet im Kern, für etwas zu sein. Die Chance für eine neue Kultur liegt in der Wiedergewinnung und Reintegration dessen, was von der Moderne zerstört wurde: Authentizität und Selbstbesinnung, die Hinwendung zur Gemeinschaft und Verbindung mit Anderen nicht nur zu Hause, sondern rund um den Globus , die Verbindung mit der Natur und ein Handeln im Einklang mit Ökologie und Ökonomie sowie die Synthese unterschiedlicher Sichtweisen und Traditionen, inklusive der Philosophien des Ostens wie des Westens. Integrale Kultur eben.
Die Ergebnisse der Untersuchung über die Kulturell Kreativen sollten uns Mut machen! Obwohl es die Wenigsten von uns ahnen, bewegen wir uns doch inmitten einer enormen Gruppe von Verbündeten: Keine der vergangenen Erneuerungsepochen hat je eine derart große Zahl von kreativen Menschen gesehen, die als Träger von positiven Ideen, Werten und Strömungen fungieren. Wahrscheinlich können sie alle mobilisiert werden, im Interesse der Zukunft uneigennützig zu handeln.
Signifikant ist hierbei auch der Jahrtausendwechsel. Während die bloße Änderung des Datums an sich selbstverständlich keine Veränderung bewirkt, hat der Glaube daran sehr wohl Konsequenzen. Eine der wichtigsten könnte ein Befreiungsimpuls sein, auf gesellschaftlicher Ebene etwas Neues auszuprobieren. Indem man die Idee der Transformation an den Wechsel ins dritte Jahrtausend bindet, könnte ein kraftvolles Symbol geschaffen werden. Das wäre zwar buchstäblich nichts anderes als magisches Denken, aber Symbolismus wirkt: Er gibt den Menschen einen neuen Blickwinkel, und die Vision, die daraus hervorgeht, bringt sie dazu, auf neue Art zu handeln.
Bewegungen der kulturellen Wiederbelebung (wie der Anthropologe Anthony F.C. Wallace sie nannte) können einen Schub nach vorn ins Neue auslösen. Genau das macht eine ganze Kultur, wenn sie bereit ist, der Tatsache ins Gesicht zu blicken, dass der alte Weg nicht mehr funktioniert, und sich dann fragt: "Was nun?"
Der Passionist Thomas Berry sagt: "Es ist alles eine Frage des Drehbuchs. Wir stecken gerade in Schwierigkeiten, weil wir kein gutes Drehbuch haben. Wir stecken zwischen zwei Geschichten. Die alte Story von der Erschaffung der Welt, und wie wir in sie hineinpassen, funktioniert nicht mehr. Und die neue Geschichte kennen wir noch nicht." Man sagt, Not mache erfinderisch wir werden jedenfalls eine Tugend aus unseren Lösungen machen, die wir uns zur Beseitigung des Notstands einfallen lassen müssen. Ist das nicht großartig: etwas ganz Anderes wird kommen, und wir können etwas dazu beitragen!?
Der Beitrag der kulturellen Wiederbelebung besteht in einem neuen Weg, uns selbst zu sehen und die alten Ideen und Techniken auf neue Weise zu verwenden. Es ist eine hoffnungsvolle und schöpferische Phase im Lebensbogen einer Kultur, die gewöhnlich auf eine Phase des Niedergangs und der Depression folgt beides nicht Folgen von Unglück, sondern exakt das Resultat alter Geschichten, die nicht mehr funktionieren.
Nehmen wir die Untersuchungsergebnisse ernst, so haben die 44 Millionen Kulturell Kreativen die Chance, sich zu einer kulturellen Wiederbelebungsbewegung zusammenzuschließen, deren Ziel die Manifestierung der Integralen Kultur ist. Wie gesagt, betonen solche Bewegungen oft, "die alte Geschichte funktioniere nicht mehr", und sie wollten nun eine neue Geschichte erfinden. Sie erschaffen neue Bilder für das, "was wir sind", spielen mit neuen Symbolen und archetypischen Vorstellungen, ersetzen alte, nicht mehr gültige Lebensweisen durch neue und blicken voller Hoffnung in die Zukunft. Auf ganz konkrete Weise werden sie genau damit ihren Beitrag zur Gestaltung genau dieser Zukunft leisten.
Meine zentrale These ist, dass das Neue die Transmoderne sein wird oder das, was jenseits der Moderne liegt. Das hat weder mit Untergang noch mit Utopie zu tun, aber es deutet auf wichtige Entwicklungen hin, die hier und heute stattfinden. Eine positive Entwicklung der westlichen Welt liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Meine Untersuchung zeigt, dass es 44 Millionen amerikanische Bürger gibt, die an die Werte einer Integralen Kultur glauben. Das ist kein Randgruppenphänomen, sondern Teil des amerikanischen Mainstreams. Es ist das Erwachen der Kulturell Kreativen, jener Leute, die sich gut im neuen Informationszeitalter zurechtfinden und deren Ideenreichtum dem Leben in Amerika gut tun würde.
Übersetzung aus dem Englischen: Human Touch Gmbh, Klein Jasedow
Originaltitel: The rise of integral Culture, erschienen im Noetic Sciences Review, Vol. 37, Frühling 1996, S. 4-15, www.noetic.org.




























